Cassiopeias
Tagebuch

Auf dem Weg, Hühnern die Freiheit zu schenken:
Aktivisten der Tierschutzorganisation Animal Peace haben
in der Nacht zum 24. Mai 2001 einer der unzähligen
grausamen Legebatterien in Deutschland einen Besuch
abgestattet. Bereits auf dem Weg durch Felder und Wiesen
stach beißender Geruch der noch weit entfernten Anlage
entgegen. Im Innern bot sich ein abscheulicher Anblick:

Viele nicht enden wollende Gänge enthielten in drei
Etagen gestapelte Käfige. Auf einer Fläche, kleiner als
drei DIN-A-4 Seiten, zwängten sich sechs schreiende
Hühner, deren spitze Krallen selbst bei dem Versuch zu
schlafen blutende Wunden auf den nackten Körpern der
anderen hinterließen.
 Hühner aus Legebatterien zu befreien ist
nicht schwer. Schwerer ist es, die weiteren 120 000
gequälten Tiere zurückzulassen. 26 Hühner sollten in
dieser Nacht befreit werden, "Cassiopeia" war
die 27. Henne. Ihr Tod hätte mehr Platz für die
übrigen bedeutet - und sie stand kurz davor. Zum Schutz
vor den anderen hatte sie ihren Kopf derart eingezogen,
dass er nicht mehr zu sehen war. So wurden wir auf sie
aufmerksam. Aus dem Käfig befreit rang sie nach Luft und
verkrampfte sich vor Angst und Schmerzen. Kaum jemand
rechnete wirklich damit, dass sie zumindest einmal in
ihrem Leben die Sonne würde aufgehen sehen - doch
Cassiopeia war zäh. Während der mehrstündigen
Autofahrt ging das Sternbild Cassioeia am Himmel unter,
die Henne blühte auf und fuhr auf dem Beifahrersitz der
blutroten Morgen-Sonne entgegen, trank frisches Wasser
und konnte sich zum ersten Mal in ihrem Leben aufrecht
hinstellen und ungestört putzen.
24.05.2001

Cassiopeia
und zehn weitere Legebatterie-Hennen sind früh morgens
in ihrem neuen Zuhause angekommen und dürfen sich zum
ersten Mal frei bewegen. Einige nehmen sofort ein
Sandbad, andere suchen sich einen ruhigen Ort zum
Eierlegen, denn das konnten sie bislang noch nicht.
Cassiopeia kann keine Eier legen. Es stellt sich heraus,
dass sie noch nicht einmal richtig Nahrung und Wasser zu
sich nehmen kann. Sie verdreht den Kopf unter ihrem Bauch
und versucht die Nahrung, die in der Legebatterie nur aus
einem Pulvergemisch bestand, in sich hineinzuschaufeln.
Erst gegen Abend gelingt es ihr mit viel Hilfe die ersten
Körner aufzupicken.
Cassiopeia ist total erschöpft, sie vermag kaum einen
Schritt zu gehen, während die anderen Hennen schon
munter umherlaufen. Das Verhalten, welches sie sich auf
der Suche nach Schutz in der Batterie angewöhnt hatte,
bereitet ihr in einer freien Welt starke Probleme. Die
Missstände der deutschen Hühnerhaltung haben einen
tiefen seelische Schaden und permanente Angstzustände in
ihr hinterlassen. Ihre Sinne sind zum Schutz vor
Schmerzen zurückgebildet. Nur langsam begreift sie, dass
sich ihre Umwelt radikal zum Guten verändert hat. Zum
ersten Mal hat sie die Möglichkeit, friedlich
einzuschlafen, während ihre neue Pflegemutter in dieser
Zeit über 36 Stunden hinweg kein Auge zubekommt.
25.05.2001

Cassiopeia kann nicht mit den anderen Hühnern zusammen,
weil sie durch ihre angewöhnte Körperbehinderung nicht
fliehen kann, wenn ein anderes Huhn sie bei Rangkämpfen
hackt. So verbringt sie den Tag allein auf dem Rasen und
unter Büschen. Sie kommt zur Ruhe und kann einen ersten
großen Erfolg verbuchen: In aller Ruhe gelingt es ihr in
über einer Stunde, auf normale Weise eine Schüssel voll
Korn leer zu picken.
26.05.2001

Zum ersten Mal ist Cassiopeia mit den
anderen Hühnern im neuen Gehege zusammen, aber leider
hacken einige der Hennen nach ihr, sodass der erste
Besuch keine halbe Stunde dauert. Sie findet den hohen
Rasen sehr interessant und erkundet ihn aufmerksam.
Cassiopeia beginnt, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen
- so knurrt sie zum Beispiel ziemlich laut, wenn ihre
Kornschüssel leer ist.
27.05.2001

Cassiopeia wird ziemlich lebhaft, hackt ausgiebig in der
Erde umher, aber ein Sandbad hat sie immer noch nicht
genommen.
Dafür war sie längere Zeit im Hühnerauslaufgehege. Die
älteren Hühner haben sie in Ruhe gelassen, nur von
ihren Schwestern wurde sie ab und zu bepickt.
28.05.2001

Während Cassiopeia im Innenstall der Hühner unter
Aufsicht ihrer Pflegemutter den Boden erkundete, gesellte
sich ein weiteres Huhn - "Andromeda" - hinzu.
Cassiopeia war über die Gesellschaft sichtlich erfreut.
Mittlerweile gibt sie auch noch einen anderen Laut als
ihren üblichen gedehnten Klagelaut von sich: ein
kükenhaftes Schnarren, wenn sie abens auf ihrem Kissen
sitzt und schlafen möchte.
29.05.2001

Cassiopeia hat im Auslaufgehege ihr erstes Sandbad
genommen: zunächst wie ein Küken auf einem Handtuch,
dann wurde sie ein Stück weiter in lockere Erde gesetzt,
wo sie ausgiebig weiterwühlte.
31.05.2001

Gewitter und Regen: Aber Cassiopeia hat es gut im
Gegensatz zu ihren zehn Schwestern, die sich einen
trockenen Platz erkämpfen müssen. Sie sitzt in einem
überdachten Extra-Stall. Leider ist sie so auch sehr
isoliert von den anderen. Daher sitzen sie und ihre
Pflegemutter am Tag eine Stunde bei den anderen Hühnern,
doch Cassiopeia hat immer noch Angst, wenn eines in ihre
Nähe kommt...
04.06.2001

Je länger man mit Cassiopeia
zusammen ist, desto mehr wird man auf die
vielschichtigkeit ihrer Behinderungen aufmerksam. So kann
sie beim Picken nach Körnern immer noch nicht zielen.
Jeder Treffer ist ein Glückstreffer. Auch ihr
Fressverhalten scheint gestört bzw. unersättlich. Man
bekommt den Eindruck, als verspüre sie permanenten
Hunger. Cassiopeia schlingt alles hinunter, was sich ihr
bietet, und so muss sie sich auch des öfteren
übergeben.
09.06.2001

Cassiopeia hat es geschafft: In den
vergangenen Tagen richtete sie ihren Kopf ganz
allmählich immer weiter nach oben. Nun kann sie nach
vorne blicken, wodurch es ihr möglich ist, fast normal
geradeaus zu laufen. Nun, wo sie laufen kann, läuft sie
unaufhaltsam in alle Richtungen. Als wäre sie
hyperaktiv, bleibt sie nicht stehen, sondern rennt lieber
im Kreis und vermittelt einen gemischten Eindruck aus
Neugierde und Nervosität.
01.07.2001

Cassiopeia hat ihr erstes Ei
gelegt! Sie hat es in ein Nest gelegt, dass extra für
sie untern einen Baum gestellt worden ist.
02.07.2001

02.07.2001
Auf der Suche nach einem noch ungestörterem Platz zum
Legen hat sich Cassiopeia zwischen einem Baum und dem
Hühnerschlafstall, der um diesen Baum herum gebaut
worden ist, verklemmt. Das war ein Schreck! Aber sie
konnte aus ihrer misslichen Lage befreit werden.
Cassiopeia möchte also genauso wie die anderen Hennen
ihre Eier in Ruhe und Abgeschiedenheit legen. Es wird
langsam Zeit, dass sie endgültig zu den anderen gesetzt
wird.
11.07.2001

Es ist soweit: Cassiopeia
darf zu den anderen Hennen in den Stall. Zunächst läuft
sie immer noch ihre typischen hektischen Kreise, aber mit
der Zeit wird sie ganz ruhig.
16.07.2001

Sie ist erstmals allein in
den Schlafstall gegangen, sie ist sehr lernfähig.
04.08.2001

Schrecklich: Durch die rote
Vogelmilbe, die erstmals im Hühnerstall auftrat und
nachts die Hennen befällt, sind die Hühner ganz nervös
geworden und zerhacken sich gegenseitig. Auch Cassiopeia
fällt ihnen zum Opfer. Sie hat ein blutiges Hinterteil
und sieht schlimm aus. Es geht ihr in den nächsten Tagen
sehr schlecht. Sie mag nicht mehr essen.
13.08.2001

In der Nacht vom 12. zum
13.08.2001 verstarb Cassiopeia. Wie zwei andere Hennen
hat sie die Attacke der von Vogelmilben befallenen
aggressiven Hennen nicht überstanden. Drei Monate waren
ihr noch vergönnt, nach ihrer KZ-Leidenszeit zu leben,
und bis auf die letzte Woche war es eine schöne,
interessante Zeit für sie gewesen. Wir sind sehr
traurig, dass ihr nicht noch mehr Zeit in Freiheit
vergönnt war, zumal sie sich so prima eingelebt hatte.
Die Vogelmilbe wurde bald erfolgreich bekämpft und trat
nie wieder im Hühnerstall auf. Die nun nicht mehr
befallenen Hühner wurden wieder friedlich. Drei von
Cassiopeias Schwestern aus der Legebatterie wurden über
fünf Jahre alt.
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