So sieht die grausame Realität aus...

"Es gibt einen besseren Ort dort draußen - irgendwo hinter diesem Hügel." Ihre emotionsgeladene Stimme schwappte über. Sie schwelgte wieder in ihren Phantasien. "Und alles ist groß und weit und es gibt viele Bäume. Und Gras. Könnt ihr euch das vorstellen? Kühles, grünes Gras!" Ginger verlor sich in ihren Träumen.

(Henne Ginger in: Weiss, Ellen: Chicken Run - Hennen Rennen. Junior Roman. Nürnberg 2000, S. 23.)

Die grausame Realität ist leider so, daß Millionen von Legehennen auf engstem Raum ihr Dasein fristen müssen und nach 1,5 Legejahren aufgrund angeblich abnehmende Legeleistung geschlachtet werden. Sie sehen nie das Licht der Sonne oder spüren den frischen Rasen unter ihren Füßen, können nicht scharren, nicht sand- und sonnenbaden, wie Hühner es eigentlich so gern tun, können auch nicht in Ruhe ihre Eier legen, ja sie können sich noch nicht einmal strecken. Weil sie so eng und reizlos gehalten werden, picken die eigenen und die Federn der Artgenossinnen aus, verstümmeln sich selbst. Die Hähnchenküken werden gleich zu Beginn getötet, d. h. vergast oder zerhäckselt, denn sie können ja keine Eier legen.
Und Masthuhnküken werden nie erwachsen, sie werden im Alter von gut drei Monaten geschlachtet. Sie sind noch Teenager, haben erst 3/5 ihrer "Kindheit" hinter sich. Auch hier werden oft die männlichen Küken von vornherein getötet, da sie nicht so massig Fleisch ansetzen wie die weiblichen Küken. Masthühner haben nur den einen Zweck, nämlich geschlachtet und verzehrt zu werden oder - getötet und aufgefressen, etwas unschöner ausgedrückt. Warum sollte man sie also irgendwie "artgerecht" halten? Warum ihnen in ihren drei Monaten ein glückliches Leben ermöglichen? Nein, sie sind von Menschen für Menschen gezüchtet worden, und das wirtschaftliche - d. h. profitgierige - Denken erfordert es, sie auf engstem Raum zu halten und sie nicht einma erwachsen werden zu lassen. Sie werden meistens beim Problem der Hühnerhaltung und der Legebatterien noch nicht einmal bedacht. Wer weiß schon, daß sein Hühnerfleisch in einem Burger oder sein Broiler vom Verkaufswagen eigentlich ein Kind noch war, zuwendungsbedürftig und lebenslustig? Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe schon manches Masthuhn aufwachsen sehen, diese anhänglichen Tiere, die gut daran tun, nicht so viel zu futtern, damit sie nicht allzu früh an Leberverfettung sterben.

Warum wird den Hühnern überhaupt so etwas angetan? - Natürlich, es geht immer um den wirtschaftlichen Profit. So heißt es in einem Ratgeber-Buch zur Erbauung von Geflügelställen:

Keine Haltungsform wird auf Dauer Bestand haben, wenn sie nicht zur Durchsetzung wirtschaftlich begründeter Leistungsziele geeignet ist. (Tüller, Raimund/Allmendinger, Adolf: Geflügelställe. Stuttgart 1990. S. 112.) Immerhin klingt es fast wie ein Bedauern, wenn die Verfasser schreiben: "Die Massierung von Tieren im Stall geschah und geschieht weiter unter dem Zwang zur Senkung der Erzeugniskosten auf den niedrigsten Stand" (S. 92).

In jenem Buch werden Tipps zum Bau und zur Einrichtung von Geflügelställen gegeben und die Bodenhaltung sowie Legebatteriehaltung wird als recht fortschrittlich bewertet. Es kommt kein Zweifel daran auf, ob diese Haltungsformen überhaupt annähernd artgerecht sind, es geht ausschließlich um gute Leistung und niedrige Kosten. Die Bilder in dem Buch zeugen von der unwürdigen Enge, die für diese althergebrachten Haltungsformen typisch ist.

Zwei "neuere Käfigformen" werden diskutiert und auf ihre Leistung hin geprüft: der Ausweichkäfig (get-away) und der Flachkäfig (reverse). Zum Ausweichkäfig wird hervorgehoben, daß er größer ist und mehr Tiere aufnehmen kann, "z. B. 16 bis 20 Hennen bei einer Grundfläche von 100 cm x 65 cm und eienr Höhe von 80 bis 90 cm" (S. 121). Man stelle sich einmal 20 Hennen in so einem engen Stall vor. Der Vorteil soll gerade darin liegen, daß sie einander bei Streitigkeiten ausweichen können... Zum Flachkäfig gibt es eine geschönte Zeichnung, bei der der Zeichner wohl an Zwerghühner gedacht haben muß bei den Proportionen, denn 30 x 60 cm sind gerade mal drei DinA-Blätter aneinandergelegt.

Als Gefahr erkennen die Autoren immerhin, daß "mit der Steigerung der Tierzahlen/m² Stallfläche [...] das Erzeugungsrisiko [wächst], da die Krankheitsgefahr erhöht ist" (S. 92).

Aber niemand denkt an die Tiere an sich...