Schwertleite, die Schlaue

Schwertleite war schon als Küken anders als ihre fünf Schwestern. Während jene sich in meinem Zimmer ihren Spielkartons widmeten und Sandbäder nahmen, stand "Schwerti" auf dem Fenstersims und schaute hinaus, fasziniert von den vorbeifliegenden Vögeln und von allem, was sich unter ihrem Fenster im 1. Stock bewegte: Menschen, Katzen, Autos... Man konnte förmlich sehen, wie sie alle Daten in ihrem klugen Köpfchen speicherte.

Auch als erwachsene braune Henne widmete sie sich weniger dem banalen Alltagskram ihrer Mitschwestern, sondern stromerte lieber durch die Gegend, auf der Suche nach Neuem, nach Faszinierendem.

Schwerti gehörte natürlich zu jenen, die klugerweise wussten, wie sie sich bei ihrem alltäglichen Ausgang auf den Rasen vorbei an den Zäunen und an mir in den Garten schummeln konnten. So war Schwerti ganz oft mal weg, aber sie kam auch immer wieder von allein zurück.
Sie hatte einen ganz außergewöhnlichen Orientierungssinn. Normalerweise trauten sich die Hühner allerhöchstens auf die Straße - mir zum Leidwesen. Schwerti hatte ich aber schon mal in der großen Industriescheune nebenan entdeckt, wo nicht nur viele Autos und Wohnwagen geparkt waren, sondern auch eine Ecke mit Stroh ausgefüllt war. Dort war sie und durchwühlte jenen Strohhaufen. In diese Scheune konnte man aber nur von der Straße durch eine große Schiebetür gelangen, die dann auch noch offenstehen muss, was sie meistens nicht war, oder aber durch eine der beiden Türen, die zum Hof unserer Nachbarn, denen die Scheune gehörten, zeigten. Auch jene waren meistens verschlossen.
Schwertleite war mal wieder verschwunden und ich suchte sie dort in der Scheune, weil ich gesehen hatte, wie sie in Richtung Straße verschwunden war. Tatsächlich stand die Scheunentür auch auf, aber Schwerti war - nach langem Suchen - nicht zu entdecken, weder im Stroh noch unter Autos oder in dem Gerümpel, das in den Ecken der Scheune lag. Also kehrte ich wieder auf unser Grundstück zurück, das übrigens eine Gartenzauntür zum Nachbargrundstück hat. Und eben auf der anderen Seite befand sich Schwerti, die dabei war, auf einem ganz anderen Weg zurückzukehren. Ich öffnete ihr die Tür. Sie war kein bisschen aufgeregt, wie manches Huhn sonst, das sich gerade ins Unbekannte gewagt hat. Man muss sich so ein kleines Huhn vorstellen, das trotz Hindernis Riesenscheune und großes Nachbargrundstück genau weiß, wohin es zu gehen hat, um zurückzukommen. Schwerti hat mich damit und mit anderen Dingen schwer beeindruckt. Habe ich je ein klügeres Huhn gehabt als sie?
Sie starb Silvester 1993 im Alter von gut 3,5 Jahren.