Siegfried,
die "Freche"
 Als Wagner-Fan kommt man schon mal
auf die Idee, seine Hennen mit Helden-Namen wie "Parsifal",
"Siegmund", "Lohengrin" oder eben
auch "Siegfried" zu versehen, ganz gleich, was
für ein Geschlecht das betreffende Hühnerwesen hat. So
ist es auch vorgekommen, dass auch auf unserem Hof das
Liebespaar Tristan und Isolde zueinandergefunden hatte,
nur Tristan war eine weiße Masthenne und Isolde ein
wunderschöne, dunkelbraunbesetzter cremefarbener Hahn,
der aber - zugegebenermaßen - eigentlich eine Henne
hatte werden sollen.
Siegfried war eine von vier braunen Hybridhennen, die ich
als Küken 1985 großgezogenen hatte. Sie war wie alle
sehr zutraulich, schlau und "frech wie Oskar".
Täglich durften die Hühner ein bis zwei Stunden außerhalb
ihres Stalles auf dem Rasen und unter diversen Büschen
weiden. Der Rest des Gartens wurden durch bewegbare Zäune
abgesperrt. Die vier Junghennen verstanden es, mich
auszutricksen. Eine kam zu mir, um sich
Streicheleinheiten abzuholen, während die anderen sich
seitwärts am Zaun vorbeidrängelten, um den Garten
unsicher zu machen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich
die Masche kapiert hatte, und selbst dann war es
schwierig, die Hennen wiederzufinden, denn sie hielten
sich gut in den Büschen verborgen, wenn ich sie suchen
kam. Siegfried war dabei aller Meisterin.
Eines Tages war es wieder so weit. Die Hennen war weg.
Just an diesem Tag arbeitete ein Freund meines Vaters an
dessen Auto auf unserem Hof, gleich neben dem Hühnerstall
und dem Rasen. Er lag unter dem Auto und werkelte ausführlich
dort herum. Mein Vater war kurz weggefahren, um ein
Ersatzteil zu besorgen und hatte zu seinem Freund gesagt,
er soll ruhig weiter machen. Ich hatte gar nicht
mitbekommen, wer da unter dem Auto lag, denn es war kein
anderer als Papas Freund namens Siegfried.
Kurzum, ich suchte Siegfried - alle anderen Hennen waren
da, nur Siegfried fand ich nicht, so oft ich auch ums
Haus rannte und den Garten absuchte. Irgendwann wurde ich
äußerst ungeduldig, ich wusste ja, dass meine Siegfried
mich zum Narren hielt. Und ich schrie lautstark und wütend,
so dass beide Siegfrieds mich ganz bequem hören konnten:
"Siegfried, du alter Satansbraten! Wo bist du? Komm
sofort her, sonst ist aber was los!" und so was wie
"Siegfried!!! Komm sofort raus, du Mistvieh!"
Irgendwann fand ich die Henne dann, aber auch nur, weil
merkwürdigerweise zwischen dem Grün was kleines Rotes
auftauchte - ihr Kamm - und sofort wieder verschwunden
war, als ich in die Nähe kam. Natürlich wurde Siegfried,
die ich, wenn ich nicht gerade sauer war, eigentlich
"Siggi" nannte, liebkost und nicht geteert und
gefedert.
Siegfried, der Mensch, jedoch traute sich nicht unter dem
Auto hervor, bis mein Vater wieder nach Hause kam und
bemerkte, dass ich ja doch gar nicht so schüchtern sei,
wie mein Vater mich zuvor dargestellt hatte...

Die abenteuerlustige
Siegfried auf dem Dach des Hühnerstalles!
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